Liederabend mit Bohdan Mikolasek,


Turmzimmer der Pauluskirche, 19. November


Der Sommer ist verflogen wie ein Schwarm Wespen

Die Schwalben kleben Nester aus Lehm

Einmal bist Du Fremder, ein andermal Gast

Oder wie unter Deinesgleichen“


Drei rote Lichtritzen in der Turmfassade: im Turmzimmer ist etwas los. Nur oberflächlich informiert, dränge ich mich in den vollen Raum in Erwartung eines fröhlichen, wenn nicht gar frivolen Liederabends zum Abschluss der Arbeitswoche. Es ist noch nicht halb acht, und doch bleibt mir gerade noch der letzte freie Platz. Bald wird mir klar, dass hier nicht geschunkelt wird. Gemalte Porträts von ernsten Gesichtern, aufgereiht an der Wand, bedeuten mir: jetzt bleibst du hier, das musst du jetzt aushalten.


Jana Mikolasek führt durch den Abend. In zurückhaltenden Worten illustriert sie ihre Geschichte, ihre eigene und jene, die sie mit Bohdan Mikolasek erlebt auf ihrer gemeinsamen Suche nach einem „Platz unter der Sonne“. Die Geschichte des tschechischen Volkes, seiner menschenfreundlichen Öffnung im Prager Frühling und der Niederwalzung dieser Hoffnungen durch die russischen Panzer im August 1968 bilden dazu den Hintergrund, bisweilen auch den Vordergrund.


Bohdan Mikolaseks Stimme und seine Gitarre erschliessen uns die poetische Wahrheit des Lebens, die klarsichtiger ist als jede wissenschaftliche Wahrheit. Roman Häfeli, Flöte, Thomas Kägi, Violoncello, und Franziska Heusser, Blockflöte, verschärfen mit ihren Instrumenten die durchlebten Kränkungen und die Freuden, ja, auch die Freuden. Dass Vreni Scheuter uns jeweils die Liedtexte auf eindrückliche Weise zunächst auf Deutsch vorträgt, ebnet uns den Zugang zu ihrem Inhalt und zu ihren emotionalen Farben.


Letztlich ist der Abend ein Anlass zum Gedenken an Jan Palach, der sich zur Verdeutlichung der Tragödie seines Volkes im August 1968 verbrannt hat. Ihm hat Bohdan Mikolasek ein Lied gewidmet: Ticho – die Stille. Dieser innere Monolog begleitet den jungen Studenten ins Grab. Wir sehen dazu einen bewegenden Dokumentarfilm mit den vielen trauernden Gesichtern, die uns auch von der Wand des Turmzimmers ansehen.


Feuer, Licht und Rauch und darin ein kurzes Leben

Haben lange gebrannt – und werden noch lange brennen:

(...) Es ist ein lebendiger Mensch gestorben

Und die Toten sind am Leben geblieben.


(...) Warum denken die Leute erst an das Leben

Wenn es ihnen vor ihren Augen stirbt


(...) Es ist ein lebendiger Mensch gestorben

damit die Toten am Leben bleiben.“



Erinnern die Blumen für jene, die den Abend gestaltet haben, an die kleine weisse Blume im Knopfloch der Uniform des Postboten, der durch den Prager Frühling radelt?


Eine Weile bleibt man noch im Gespräch zusammen bei einem Getränk. Wir fragen uns, ob der Platz an der Sonne nicht besser geteilt werden könnte, wenn man den Immigranten ab und zu eine Plattform für ihre Geschichten gäbe. Damit sie zu "Unseresgleichen" werden können.



Annemarie Oetiker